Rückschlag für Gründergeist junger Erwachsener durch Corona-Krise

Corona-Krise lässt Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit sinken

Im Jahr 2020 ist die Präferenz für eine berufliche Selbstständigkeit in der Erwerbsbevölkerung gesunken. Nur 24 % (2019: 26 %) würden sich unabhängig von ihrer aktuellen Situation für die Selbstständigkeit als Erwerbstätigkeit entscheiden – 74 % präferieren eine Anstellung (+3 Prozentpunkte).

Die Entwicklung dürfte mit den pandemiebedingten wirtschaftlichen Belastungen zu erklären sein, die ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis hervorgerufen haben. Selbstständige waren von den Eindämmungsmaßnahmen in der Corona-Krise wie Kontaktbeschränkungen und Betriebsschließungen besonders betroffen. Ihre Einkommensunsicherheit ist gestiegen, während sie bei Arbeitnehmern durch das Kurzarbeitergeld häufig abgefangen werden konnte

 Herber Dämpfer bei U30

In den Vorkrisenjahren ist der Gründungsgeist bei jungen Erwachsenen wiedererstarkt. Der Anteil jener, die eine Selbstständigkeit präferieren, ist von gut 30 % kommend auf 40% bis 2019 gestiegen. Durch die Corona-Krise gab es hier einen Rücksetzer auf das alte Niveau. Die Präferenz für eine Selbstständigkeit ist 2020 um ein Viertel auf 30% eingebrochen. Im Jahr 2019 bekam der Gründungsgeist junger Erwachsener einen Schub von Studierenden, bei denen 2018 35 %, 2019 dann sogar 46 % eine Selbstständigkeit präferierten. Dieser Gründungsgeist hat sich jetzt aber wieder verflüchtigt. Der Anteil ist 2020 auf 29 % eingebrochen. Das dürfte damit zu tun haben, dass nach Pandemiebeginn der Lehrbetrieb an Universitäten und Hochschulen praktisch nur noch virtuell stattfand. Die Belastung der Studierenden dadurch war groß – möglicherweise zu groß, um den Gründungsgeist am Leben zu halten, ohne sich persönlich zu treffen. Die Hoffnung bleibt, dass der Gründungsgeist nach der Rückkehr zu Präsenzvorlesungen wieder auflebt.

 Frauen stärker betroffen als Männer

Die Präferenz für eine berufliche Selbstständigkeit entwickelte sich bei Männern und Frauen über die Jahre etwa parallel zueinander. Auch beim Rückgang 2020 war dies so. Da Frauen aber seltener eine Selbstständigkeit präferieren (in Deutschland wie auch international), ist das Minus bei ihnen relativ stärker. Männer präferierten eine Selbstständigkeit 2020 somit rund 1,8-mal häufiger als Frauen. Diese Relation lag noch nie höher. Frauen leisten immer noch den größeren Anteil an Haus- und Sorgearbeit. Durch Homeschooling und Kitaschließungen wuchs diese Belastung 2020 deutlich an. Möglicherweise gewannen damit auch die Vorteile einer abhängigen Beschäftigung etwas stärker an Bedeutung.

 Gründungsgeist neu entfachen

Die Präferenz für eine berufliche Selbstständigkeit hat sich in Deutschland seit dem Jahr 2000 beinahe halbiert. Auch wenn dies sicherlich mit dem rekordverdächtigen Arbeitsmarktboom zusammenhängt, den wir seit Mitte der Nullerjahre erlebt haben, ist das volkswirtschaftlich gesehen keine gute Nachricht. Denn ohne Gründerinnen und Gründer – egal ob Solo oder Start-up – leidet die Zukunftsfähigkeit Deutschlands: Eigenverantwortung und Selbstinitiative nimmt ab, Strukturen verkrusten, weil der Anpassungsdruck abnimmt, flexible Expertise steht weniger zur Verfügung, Nachwuchs für anstehende Nachfolgen fehlt. Gründe genug, um den Gründungsgeist konsequent neu zu entfachen.

Quelle:

Autor: Dr. Georg Metzger, Telefon 069 7431-9717, georg.metzger[at]kfw.de

KfW Research Volkswirtschaft Kompakt
Nr. 215, 22. November 2021

 Hinweis: Dieses Papier gibt die Meinung der Autoren wieder und repräsentiert nicht notwendigerweise die Position der KfW.

 

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